Kinder erleben die Welt oft auf eine Weise, die uns Erwachsenen irgendwann verloren gegangen ist. Kinder staunen noch über die Welt, und zwar – jeden Tag. Kinder vergleichen nicht diese eine Blüte mit der nächsten, um zu entscheiden, welche davon schöner ist. Sie finden beide schön! Während wir rennen, gehen Kinder in einem ganz langsamen Tempo durch die Welt, die etwas ermöglichen, das wir Erwachsene verlernt haben: Natürliche Achtsamkeit, die überall und immer greifbar wäre, wenn wir nur kurz anhalten würden.
Viele Kinder kümmern sich nicht die ganze Zeit um den morgigen Tag, schmieden Pläne für die Zukunft nach der Uni oder überlegen, was sie in der Rente machen. Kinder leben im Jetzt. Sie sind wirklich im Moment.
Nicht immer perfekt. Nicht immer ruhig. Nicht ständig ausgeglichen. Aber oft erstaunlich präsent. Sie beobachten, staunen, fühlen intensiv und tauchen vollständig in kleine Augenblicke ein. Vielleicht können wir Erwachsenen genau davon manchmal wieder etwas lernen.
Kinder erleben den Moment wirklich
Kinder denken selten fünf Schritte voraus. Wenn sie spielen, dann spielen sie. Wenn sie lachen, dann lachen sie mit dem ganzen Körper. Wenn sie etwas spannend finden, vergessen sie oft alles um sich herum.
Natürlich hat das auch Herausforderungen. Auf einmal geht der Spaziergang nicht weiter, auch wenn die Erwachsenen unruhig auf die Uhr schauen. Irgendwas muss beobachtet werden! Das zeigt etwas sehr Schönes:
Kinder können sich vollständig auf einen Moment einlassen.
Viele Erwachsene kennen dieses Gefühl kaum noch. Selbst beim Spazierengehen greifen wir schnell zum Handy, planen innerlich den restlichen Tag oder springen gedanklich von Aufgabe zu Aufgabe. Podcast hören mag spannend sein, aber dabei verpassen wir das Vogelgezwitscher und die Windböen, die man in den Bäumen hören kann.
Die Kleinen dagegen entdecken oft genau dort Magie, wo wir längst vorbeigehen würden. Vielleicht erinnert uns das daran, wieder bewusster hinzuschauen. Denn die Welt steckt tatsächlich voller kleiner Wunder – direkt vor unseren Füßen. Darüber haben wir übrigens auch schon in unserem Beitrag über Natur und kindliches Staunen geschrieben.
Kinder staunen über Dinge, die wir längst übersehen
Für viele Erwachsene müssen Erlebnisse oft „besonders“ sein, damit sie zählen: große Reisen, Events oder außergewöhnliche Erfahrungen. Was für ein Quatsch eigentlich …
Kinder brauchen zum Glück dafür häufig viel weniger.
Eine Schnecke auf dem Gehweg.
Eine Schneeflocke, die auf der Zunge gelandet ist.
Ein riesiger Regentropfen am Fenster.
Ein lustig geformtes Blatt.
Ein grüner Smoothie.
Kinder entdecken Bedeutung in kleinen Dingen. Genau das macht ihre Sicht auf die Welt oft so leicht und lebendig. Ich beobachte das persönlich immer wieder im Unterricht: Auch wenn wir in einem Buch zum wiederholten Mal blättern, finden das Kinder immer wieder schön. Auch wenn wir schon zehnmal die Kuscheltiere angefasst haben, wollen die Kinder immer wieder das ‚Feel it‘-Spiel spielen, indem sie mit verschlossenen Augen die Tiere anfassen und erraten müssen. Und jedes Mal schaut die restliche Gruppe faszinierend zu – ganz schön beeindruckend.
Erwachsene nehmen viel zu viele Dinge als selbstverständlich, dabei verlieren wir dadurch enorm viel an Freude und Glück. Eine der wichtigsten Säulen meiner Arbeit als Glücksexpertin (wenn ich eher mit erwachsenen Klienten arbeite) ist die Aktivierung des Glücks in unserem Alltag. Das ist auch eine der Säulen, die am meisten belächelt und unterschätzt wird. Es klingt manchmal unglaubwürdig, dass es uns Glück bringen kann, wenn wir uns über warme Handschuhe an einem kalten Wintermorgen freuen. Und dennoch zeigen uns oft Kinder, wenn sie im Kindergarten eintreffen, deren Handschuhe, Schals oder Mützen und betonen, wie schön und warm diese sind. Selbstverständlich? Vielleicht für Erwachsene. Und trotzdem darf man sich drüber freuen, oder?
Solche Kleinigkeiten haben einen großen Einfluss auf dein Wohlbefinden. In der Positiven Psychologie nennen wir es auch Mikro-Momente des Glücks – hier gibt es einen Artikel darüber direkt von DGPP (Deutsche Gesellschaft der Positiven Psychologie).
Kinder fühlen ehrlich und intensiv
Kinder freuen sich ehrlich. Sie weinen ehrlich. Sie zeigen Begeisterung, Frust, Neugier oder Enttäuschung oft direkt und ungefiltert. Sie erleben die Welt und sich selbst intensiv. Vor allem die positiven Gefühle und Erlebnisse nehmen in der Regel mehr Raum ein als bei Erwachsenen. Und das ist gut so – stell dir vor, sie würden gleich beim Laufen Lernen aufgeben, weil es „sowieso nicht klappt“.
Wenn Kinde fröhlich sind, strahlen sie richtig. Und wenn sie traurig sind, verändert sich nicht nur die Mimik, sondern die komplette Haltung und Einstellung. Viele Erwachsene haben irgendwann gelernt, Gefühle schnell wegzuschieben oder zu kontrollieren. Funktionieren wird wichtiger als Wahrnehmen. Schnell verlernen wir, sich selbst so wirklich achtsam wahrzunehmen.
Als Erwachsene fördern wir Achtsamkeit durch eine bewusste Pause oder Meditationen. Doch das ist nicht alles! Achtsamkeit bedeutet auch, Gefühle bewusst wahrzunehmen, statt sofort vor ihnen wegzulaufen, den Moment intensiv zu erleben und uns jeglichem Ausgangsszenario zu öffnen.
Vielleicht wirken Kinder deshalb manchmal emotional „freier“ als Erwachsene. Sie erleben Gefühle meist mitten im Moment – und können danach oft erstaunlich schnell wieder lachen, spielen oder staunen.
Genau diese Fähigkeit macht Kindheit oft so lebendig. All das dürfen wir von Kindern lernen.
Je mehr ich mit Kindern arbeite, desto häufiger merke ich:
Manchmal lernen nicht nur Kinder von Erwachsenen – sondern Erwachsene auch von Kindern.
Über dieses Thema habe ich übrigens auch schon einmal in meinem Happy Place Podcast gesprochen, als ich vor einigen Jahren noch aktiv als Podcaster unterwegs war.
Höre dir gern die Folge auf Spotify „Was wir von Kindern lernen dürfen“.



