Als ich „damals“ in den 90ern aufgewachsen bin, durfte ich ziemlich viel Zeit allein verbringen. Ich habe gelesen, gebastelt und sogar Hausaufgaben extra ausführlich gemacht, ohne dass mir das jemand sagen musste (jaaaa, ich war ein Streber). Ich malte zu der Zeit noch nicht ganz bekannte Mandalas aus, kletterte die Bäume hoch oder saß einfach im Zimmer und habe meine Mäuse und dann später auch meine Wellensittiche beobachtet. Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt, wie „das Kind ist zu ruhig“. Erst später habe ich diese Aussage gehört. Als eine Lehrerin finde ich es top, wenn die Kinder ruhig arbeiten. Aber anscheinend ist das manchmal ein Zeichen, dass jemand gerade Schabernack treibt!
Nicht alle Kinder stellen gleich etwas an. Aber viele Eltern kennen sicherlich diese Situation nur zu gut: Kaum wird es zu Hause ruhiger und Still kehrt ganz vorsichtig ein, kommt nach wenigen Minuten schon der Satz:
„Mir ist langweilig.“
Oha … Und nun? Achtung: Dem Kind ist langweilig! Bei ganz vielen Eltern beginnt sofort schlechtes Gewissen im Kopf zu arbeiten. Sollte man jetzt etwas anbieten? Ein Spiel? Einen Ausflug? Eine Beschäftigung? Wie kann ich jetzt mein Kind wieder bespaßen – oder, noch besser, produktiv und sinnvoll fördern? Was wäre jetzt am Besten? Und so öffnet sich das mentale Katalog im Kopf mit ganzen Tipps und Tricks und gut gemeinten Ratschlägen, in dem Tausende Bilder pro Sekunde durchlaufen. Dazwischen kommt auch ein Flash aus der neuesten Werbung mit einem einzigartigen Brettspiel, oder man erinnert sich noch an den einen Flyer, dass Jump House genau an diesem Tag etwas Besonderes anbieten, oder dass es im Zoo jetzt neue Reptilien gibt. Wie fängt man jetzt an, das Richtige auszuwählen?
Gerade heute entsteht schnell das Gefühl, Kinder müssten ständig gefördert, beschäftigt oder unterhalten werden. Dabei vergessen wir oft etwas ganz Wichtiges: Langeweile ist nicht automatisch etwas Negatives. Im Gegenteil! Sie kann sogar unglaublich wertvoll sein und fördert das Gehirn eines Kindes immens.
Wenn im Außen weniger passiert, wird innen mehr aktiv
Kinder leben heute in einer Welt voller Reize. Bildschirme, Geräusche, Termine, Aktivitäten, Eindrücke – oft bleibt kaum noch Raum für echte Leere. Genau diese Leere braucht das Gehirn aber, um kreativ zu werden. Und Leere kann zunächst nur dann entstehen, wenn die Kinder endlich die Chance auf Langeweile bekommen und nicht sofort weiter machen.
Langeweile ist kein „Problem“, das man bekämpfen und gründlich beseitigen muss, sondern eher eine Art Übergangsraum, und eine nötige Pause für das kleine (oder auch große) Gehirn, sich neu auszurichten. Langeweile ist ein Moment, in dem das Gehirn beginnt, selbst nach Ideen zu suchen. Und genau dort entstehen oft die schönsten Dinge:
Rollenspiele, Fantasiewelten, Bastelideen, Bewegungsdrang, kleine Projekte oder unerwartete Gespräche (mit gaaaanz vielen spannenden Fragen, natürlich).
Viele kreative Prozesse beginnen nicht mit einem Plan, sondern mit einem scheinbar ereignislosen Moment.
Einer der bekanntesten Forscher der Langeweile, Psychologe John D. Eastwood (mehr dazu in seinem Buch „Out Of My Skull“) beschreibt sie als möglichen Auslöser für neue Ideen, Kreativität und Veränderung. Langeweile ist ein Auslöser für Kreativität, weil unser Gehirn beginnt, neue Verbindungen und Ideen zu suchen, sobald es nicht dauerhaft beschäftigt wird. Und das passiert ganz anders, als wenn wir permanent auf externe Reize und Impulse warten. Wir sollten also alle lernen, Langeweile willkommen zu heissen. Wer gern auf Englisch liest, gibt es hier einen spannenden Artikel dazu von bbc.
Willst du also, dass dein Kind den eigenen, einzigartigen Weg zur Kreativität findet, fördere unbedingt Langeweile. Langeweile ist ein wichtiges Tool auch für den britischen Autor Neil Gaiman, der u.a. das wunderbare Buch „Coraline“ geschrieben hat (Achtung: Nur für ältere Kinder! Das Buch ist etwas gruselig). Er sieht Langeweile als eine Möglichkeit, auf die besten Ideen und Storys zu kommen.
You have to let yourself get so bored that your mind has nothing better to do than tell itself a story.
Neil Gaiman
Übersetzung aus dem Englischen:
Manchmal muss man sich so sehr langweilen dürfen, dass der eigene Kopf nichts Besseres zu tun hat,
als sich Geschichten auszudenken.
Kinder müssen also nicht ständig „bespaßt“ werden
Natürlich bedeutet das nicht, dass Kinder komplett sich selbst überlassen werden sollten – auf gar keinen Fall. Aber es bedeutet vielleicht, dass wir Langeweile nicht sofort lösen müssen.
Oft passiert nämlich genau dann etwas Spannendes: Kinder beginnen plötzlich selbstständig zu denken. Sie überlegen, was sie tun könnten. Sie probieren aus. Sie scheitern. Sie verändern ihre Idee wieder. Und genau dabei entwickeln sie Fähigkeiten, die unglaublich wichtig fürs spätere Leben sind:
Geduld. Kreativität. Problemlösung. Selbstständigkeit. Frustrationstoleranz.
All das wächst selten in Momenten, in denen bereits alles vorgegeben ist. Und das sind Skills, die alle Menschen lebenslang begleiten. Ich merke auch jetzt bei meinem eigenen Partner, dass er zum Beispiel Langeweile nicht beherrscht. Das Resultat? Er neigt viel schneller dazu, sich einfach abzulenken (mit Social Media, Filmen oder Spielen – also Außenimpulsen), als dass er auf kreative Lösungen kommt. Ist die Ablenkung in dem Moment aber nicht greifbar, wird er schnell irritiert und sieht Langeweile als ein großes No-Go. Wie schade!
Erwachsene halten Langeweile viel schlechter aus als Kinder, vor allem, wenn sie es nie geübt haben. Wir haben uns an unsere lange to-do-Listen, das unheimlich schnelle Lebenstempo und die permanente Ablenkung gewöhnt: Nachrichten, Social Media, Musik, Podcasts usw. Sobald Ruhe entsteht, greifen viele automatisch wieder zur nächsten Beschäftigung.
Kinder dagegen können aus einem leeren Karton plötzlich ein Schiff machen. Oder aus einer Decke eine Höhle. Oder aus ein paar Stiften und Papier eine ganze Fantasiewelt erschaffen. Letztens haben ein paar Schüler in unserem Fuchsbau die Regale mit Schleich Figuren und Lebensmittel für Kaufmannsladen neu organisiert, und das sogar thematisch!!! Warum? Nur weil die Eltern sich gerade mit den Lehrern unterhalten haben und somit nicht „eingreifen“ konnten.
Genau deshalb lohnt es sich manchmal, Langeweile nicht sofort „wegzuorganisieren“.
Wir brauchen nicht immer einen Plan - wir brauchen mehr Freiraum!
Viele wichtige Entwicklungsprozesse entstehen in freien, unstrukturierten Momenten. Gerade dort lernen Kinder oft besonders viel über sich selbst und ihre Umgebung. Sie entdecken Interessen, entwickeln eigene Ideen und erleben Selbstwirksamkeit. Freiraum ist daher essentiell für eine gesunde Entwicklung der Kinder.
Auch die Universität von Colorado beschäftigte sich mit der Bedeutung unstrukturierter Zeit für Kinder und stellte fest, dass freie Zeit wichtige Fähigkeiten wie Selbststeuerung und eigenständiges Denken fördern kann. Dieser Artikel dazu hat mir mein pädagogisches Herz aufgewärmt, denn das zeigt so sehr, dass Soft Skills, die wir auch beim Lernen integrieren eine große Auswirkung haben. Zeit, die spontan und individuell gestaltet werden darf, weil die Langeweile die Kinder dazu inspiriert, ist ein Geschenk für’s Leben!
Natürlich dürfen Kinder Kurse besuchen, Hobbys haben und gefördert werden. Das alles ist wunderschön und sehr sehr wichtig. Aber vielleicht müssen nicht alle freien Minuten sofort gefüllt werden. Ich persönlich habe zu meiner regulären Schule eine Musikschule, und später auch noch eine Kunstschule besucht, war aktiv im Stadt- und Schultheater und trotzdem fand ich genug Zeit, um sozusagen meine Seele baumeln zu lassen. Die Lücken zwischen meinen ganzen Aktivitäten musste nicht durchgeplant werden.
Kinder dürfen manchmal einfach nur daliegen, aus dem Fenster schauen, mit einem Stock im Garten herumstochern oder minutenlang überlegen, was sie als Nächstes tun möchten. Übrigens, Daliegen und Decke anstarren war für mich total oft ein Auslöser für ein neues Bastelprojekt oder eine Kunstidee. Denn genau dort beginnt oft etwas sehr Wertvolles: eigene Initiative.
Nicht nur das Kreative wird in diesen Freiräumen gefördert. Kinder lernen immer und überall. Auch Erwachsene können dies tun, aber unsere Köpfe sind schon sooo voll. Kinder sind aber Naturtalente und können sich alles Mögliche aneignen. Wie? Einfach durch Learning by doing! Dazu haben wir auch einen gleichnamigen Artikel auf unserem Blog, der hier zu lesen ist. Wenn sie neue Wege ausprobieren, auf kuriose Ideen „wie aus dem Nichts“ kommen und anfangen dürfen, Dinge zu hinterfragen, lernen sie schnell und viel dazu.
Und vielleicht ist das einer der wichtigsten Gedanken überhaupt:



